Suez oder Waterloo? Saifedean Ammous zum Iran-Krieg
In seinem Essay „Escalating from Suez to Waterloo: Trump’s Three-Card-Monte Takes on the Chess Grandmasters“ vom 29. März 2026 nimmt der libanesisch-amerikanische Ökonom und Autor Saifedean Ammous eine schonungslose Bestandsaufnahme des laufenden Konflikts zwischen den USA, Israel und dem Iran vor. Der Krieg, der Ende Februar 2026 als „Blitzoperation von wenigen Tagen“ angekündigt wurde, hat sich nach vier Wochen zu einem epochalen militärischen, technologischen und geopolitischen Fiasko für die anglo-amerikanisch-israelische Allianz entwickelt.
Ammous listet die fünf erklärten US-Ziele auf – bedingungslose Kapitulation des Iran, Regime-Change, Beendigung des Atomprogramms, Zerstörung der militärischen und industriellen Kapazitäten sowie Ausschaltung des Raketen- und Drohnenprogramms – und kommt zum Schluss, dass davon maximal ein bis zwei teilweise erreicht wurden, und das nur auf pyrrhische Weise. Das iranische Regime steht fester denn je: Trotz gezielter Attentate, Bombardierungen ziviler Ziele (etwa der Mädchenschule in Minab) und massiver Terrorisierung hat sich die Bevölkerung hinter ihrer Regierung versammelt. Luftbombardements allein führen nie zu Regimewechseln, wie der Militärwissenschaftler Robert Pape betont – im Gegenteil, sie stärken den inneren Zusammenhalt. Das Atomprogramm wurde nicht zerstört, sondern der Anreiz für eine nukleare Bewaffnung massiv erhöht. Die konventionelle Armee Irans hat schwere Verluste erlitten, doch Ammous sieht in Panzern, Schiffen und Jets ohnehin Relikte des 20. Jahrhunderts.
Der eigentliche Paradigmenwechsel liegt in der modernen Kriegsführung: Ein sanktioniertes Mittelmacht-Land besiegt mit 21.-Jahrhundert-Waffen (hochpräzisen Hyperschallraketen und extrem günstigen Drohnen für ca. 7.000 Dollar pro Stück, spöttisch „fliegender Rasenmäher“ genannt) die teure 20.-Jahrhundert-Technologie der Supermacht. US-Flugzeugträger, Kampfjets und Luftabwehrsysteme erweisen sich als verwundbar und unverhältnismäßig kostspielig. Iranische Drohnen und Raketen treffen weiterhin US-Basen und israelisches Gebiet; die Produktion ist dezentral, mobil und kaum auszulöschen. Stattdessen entleert der Iran die westlichen Luftabwehrvorräte – ein Prozess, der bei anhaltender Dauer die globale Verteidigungsfähigkeit der USA und ihrer Verbündeten gefährdet.
Parallel dazu hat der Iran die Kontrolle über die Straße von Hormus gefestigt und erzwingt faktisch eine „Maut“ auf rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Gastransports. Die wirtschaftlichen Folgen sind verheerend: Störungen in der globalen Energie- und Düngemittelversorgung drohen massive Preisexplosionen, Rezessionen, Arbeitslosigkeit und sogar Hungersnöte auszulösen.
Bitcoin wird in diesem Essay nicht direkt erwähnt. Ammous verknüpft jedoch die militärische Eskalation eng mit einer detaillierten monetären und fiat-basierten Wirtschaftsanalyse – ein Thema, das in seinem Gesamtwerk (u. a. „The Fiat Standard“ und „Principles of Economics“) zentral ist. Er zeigt, wie der Krieg die US-Staatsverschuldung dramatisch verschärft: Die 10-jährige US-Staatsanleihe-Rendite ist seit Kriegsbeginn von ca. 0,46 % auf 4,42 % gestiegen. Jeder Anstieg bedeutet Milliarden an höheren Zinszahlungen für die US-Regierung und die gesamte Weltwirtschaft, die Treasuries als risikofreien Referenzzins nutzt. Zusammen mit den Kriegsausgaben (Hunderte Milliarden bis Billionen) und dem Energie-Schock gerät die US-Fiskalsituation an den Rand der Insolvenz.
Ammous warnt: Länger andauernde Kämpfe führen zu hoher Inflation zur Kriegsfinanzierung, Lieferkettenstörungen, steigenden Zinsen, die Unternehmen zerstören, einem kollabierenden Anleihenmarkt, der Ersparnisse vernichtet, wachsender Arbeitslosigkeit und weiterem Druck auf inflationäre Sozialprogramme. „Ein US-Default ist keine abwegige Möglichkeit mehr, sondern könnte sogar wahrscheinlich werden – mit verheerenden Folgen für die US-Regierung, den US-Dollar und all jene, die US-Bonds als sicheres Sparinstrument betrachteten.“ Sollte der Treasury-Markt seinen Status als ultimativer sicherer Hafen verlieren, droht dem Dollar der Verlust der Weltreservewährung und das Ende der „exorbitanten Inflationsprivilegien“ Amerikas.
Ammous zeichnet zwei historische Szenarien: Eine Deeskalation wäre Amerikas Suez-Moment von 1956 – das Ende der globalen Vormachtstellung, aber ein Segen für das amerikanische Volk, das von den Auslandsabenteuern nur Inflation, Steuern, Armut und Feinde erntet. Eine Eskalation (z. B. Bodenoffensive oder weitere massive Angriffe) droht hingegen wie Waterloo zu enden: eine selbstverschuldete, vernichtende Niederlage, die das US-Imperium militärisch, wirtschaftlich und politisch zerstören könnte. Die „Dollar-Sklaverei“ – die jahrzehntelange Hegemonie der US-Währung – stünde dann endgültig auf dem Spiel.
Der Essay ist kein reiner Militärbericht, sondern eine fundamentale Kritik an der Realitätsverweigerung in Washington und Tel Aviv. Jahrzehnte scheinbarer Überlegenheit haben die Entscheidungsträger blind gemacht für echte strategische Niederlagen. Während frühere Kriege (Irak, Afghanistan) „Sieg“ oder „Niederlage“ vor allem innenpolitisch definierten, geht es hier um messbare Ziele – und diese werden verfehlt.
Saifedean Ammous schließt mit einer klaren Warnung: Die USA stehen an einer historischen Weggabelung. Akzeptieren sie einen Suez-ähnlichen Gesichtsverlust, könnte das Imperium geordnet schrumpfen. Doublen sie jedoch nach, riskieren sie einen Waterloo-ähnlichen Zusammenbruch mit globalen Schockwellen – militärisch, wirtschaftlich und monetär. Der Text ist ein faktenbasiertes Korrektiv zu westlichen Medien-Narrativen und zeigt, warum dieser Konflikt weit mehr als ein regionaler Krieg ist: Es geht um die Zukunft der Weltordnung.

