KIA Contemporary: Malerei trifft Fotografie
Am 29. Mai 2026 feierte die KIA Contemporary Art Gallery in Görlitz die Vernissage der neuen Gruppenausstellung „MALEREI & FOTOGRAFIE“. Wie bei früheren Eröffnungen war die Galerie wieder sehr gut besucht – ein klares Zeichen, dass sich hier ein fester und lebendiger Treffpunkt für zeitgenössische Kunst in Görlitz etabliert hat.
Die Ausstellung, die vom 30. Mai bis zum 1. August 2026 zu sehen ist, bringt Werke von Malern und Fotografen zusammen und schafft spannende Dialoge zwischen den Medien.
Warum Malerei und Fotografie in Zeiten der KI?
In einer Zeit, in der künstliche Intelligenz Bilder in Sekundenschnelle generiert, drängt sich die Frage auf: Warum sollten wir uns noch mit „veralteten“ Medien wie Malerei und analog/digitaler Fotografie beschäftigen? Ist ihr Verhältnis zur Realität nicht längst ausgereizt und ausdiskutiert?
Die Antwort liegt in der menschlichen Dimension. Die Produkte von KI sind letztlich Erzeugnisse einer anderen „Spezies“ – einer maschinellen Intelligenz, mit der wir als Menschen keine tiefe existenzielle Verbindung haben. Auch wenn KI unser gesamtes verfügbares Wissen (außer vielleicht esoterischem) in kürzester Zeit absorbiert und uns damit in gewisser Weise „enteignet“ hat, bleibt sie fremd.
Ähnlich wie Menschen weiterhin Schach oder Go spielen, obwohl Computer längst überlegen sind, schaffen und betrachten wir Kunst, weil es um menschliche Aktivität geht. Um Persönlichkeiten, um Kommunikation, Kooperation und das Verstehen anderer Sichtweisen auf die Welt. Die Werke von Ameisen oder Affen interessieren uns nicht wirklich – weil sie nicht unsere sind. Genau hier liegt die bleibende Relevanz von Malerei und Fotografie: Hier treffen wir auf vier Künstlerpersönlichkeiten, vier unterschiedliche Weisen, mit dem Leben und der Welt zu interagieren.
Die Künstler und ihre Positionen
Ning Li, Fotografin aus Vancouver mit chinesischen Wurzeln, hat ihre Herangehensweise treffend als „Ning Gaze“ bezeichnet. Es ist ihre ganz persönliche Art des Sehens – eine Kombination aus intensiver Beobachtung, Bewegung und Zeit. Sie fotografiert nicht einfach Motive, sondern ihre subjektive Sicht auf die Welt. Dabei integriert sie Elemente ihrer Herkunft wie Tinte und Schriftzeichen, lässt aber auch die Besonderheiten einer alten europäischen Stadt wie Görlitz auf sich wirken: Strukturen und Spuren des „Altseins“, die sie in ihrer kanadischen Umwelt so nicht findet. Ihre abstrakten Arbeiten entstehen aus dieser tänzerischen, offenen Auseinandersetzung mit der Umwelt.
Mario Dollinger steht in der Tradition der klassischen abstrahierenden Fotografie und führt sie mit wunderbaren, streng geometrisch orientierten Farbfotografien aus seiner Serie „CLUSTER I-III – FORM“ fort. Durch gezielte Ausschnitte, Überlagerungen und Reduktion auf Form, Struktur und Farbe löst er reale Motive so auf, dass die Bilder beinahe malerisch wirken – und doch rein fotografisch sind.
Auf der malerischen Seite begegnen uns Frank Hiller und Sabine Schneider.
Frank Hiller sieht sich in der Tradition des deutschen Expressionismus. Der historische Expressionismus (ca. 1905–1925) wollte vor allem inneres Erleben statt äußerer Abbildung ausdrücken: intensive, ungemischte Farben, verzerrte Formen, subjektive Emotionen, Protest gegen bürgerliche Konventionen und die Entfremdung der Moderne. Heute bleibt von ihm vor allem die Radikalität der Subjektivität relevant – der Mut, Gefühle und innere Zustände unmittelbar und unverfälscht auf die Leinwand zu bringen. Ob Hillers Werk diesen Bezug tatsächlich stark trägt oder eher lose assoziiert ist, bleibt dem Betrachter überlassen; der Rückgriff auf expressionistische Energie kann in einer übertechnisierten Welt jedenfalls als bewusste Rückbesinnung auf menschliche Authentizität verstanden werden.
Sabine Schneider wiederum malt wunderbar leichte, angenehme und harmonische Farbkompositionen. Ihre Arbeiten sind schön anzusehen und strahlen eine gewisse Leichtigkeit aus. Gleichzeitig steht darüber ein narratives Konzept, das die Zerstörung und Gefährdung unserer Welt thematisiert. Dieser scheinbare Widerspruch zwischen harmonischer Ästhetik und dystopischer Botschaft ist besonders reizvoll: Er spiegelt vielleicht die menschliche Fähigkeit wider, inmitten von Bedrohung Schönheit zu schaffen.
Vier Persönlichkeiten – ein Dialog
Was diese Ausstellung so wertvoll macht, ist genau diese Vielfalt: Vier unterschiedliche Menschen mit vier unterschiedlichen Ansätzen, mit der Welt zu interagieren. Die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie verschwimmen angenehm, während gleichzeitig klar wird, dass beide Medien trotz KI ihre Berechtigung behalten – weil sie menschlich sind.
Ein echter Gewinn für Görlitz
Die KIA Contemporary hat sich zu einem echten Hotspot entwickelt. Die Galerie bringt regionale und internationale Positionen zusammen und bereichert das kulturelle Leben der Stadt spürbar. Gerade in einer Grenzstadt wie Görlitz ist ein solcher Ort von hoher Bedeutung.
Die Vernissage war nicht nur gut besucht, sondern auch von einer offenen, angenehmen Atmosphäre geprägt. Hier wird Kunst erlebbar gemacht – als Ort des Austauschs und der Inspiration.
Wer in den nächsten Wochen in der Region ist, sollte die Ausstellung unbedingt besuchen. „MALEREI & FOTOGRAFIE“ ist ein starkes Beispiel dafür, wie zeitgenössische Kunst zugänglich, anspruchsvoll und zutiefst menschlich sein kann.
KIA Contemporary
Löbauer Straße 35
02826 Görlitz

