Disruption als Herrschaftsinstrument

Dank der Allgegenwart des Internets und der digitalen Massenmedien gelingt es heute in atemberaubender Geschwindigkeit, große Teile der Weltbevölkerung emotional und meinungsmäßig in eine Richtung zu lenken. Plötzlich auftretende „Krisen“ – Wirtschaftskrisen, Klimakatastrophen, Pandemien oder Kriege – dienen dabei als Katalysatoren. Innerhalb weniger Tage oder Wochen schwenkt ein erheblicher Teil der Bevölkerung auf eine einheitliche Erzählung ein, die von Regierungen und regierungsnahen Medien vorgegeben wird. Diese Synchronisation erfolgt nicht durch rationale Debatte, sondern durch millionenfache emotionale Verstärkung, die jede individuelle Reflexion überschwemmt.

Der Harvard-Professor Clayton M. Christensen hat in seinem einflussreichen Buch „The Innovator’s Dilemma“(erschienen 1997, deutsch: „Das Innovatoren-Dilemma“) eine Theorie entwickelt, die ursprünglich wirtschaftliche Umbrüche erklärt, sich aber hervorragend auf politische und gesellschaftliche Prozesse übertragen lässt. 

Christensen unterscheidet zwischen sustaining innovations (verbessernde Innovationen), die etablierten Marktführern helfen, ihre Position zu festigen, und disruptive innovations (disruptive Innovationen), die zunächst unscheinbar und oft qualitativ minderwertig erscheinen, aber von unten kommend einen Markt komplett umkrempeln und die alten Platzhirsche verdrängen.

Das „Dilemma“ besteht darin, dass erfolgreiche, gut geführte Unternehmen genau das tun, was sie eigentlich tun sollten – sie hören auf ihre besten Kunden, optimieren bestehende Produkte und maximieren kurzfristige Gewinne –, und genau dadurch blind werden für die disruptive Bedrohung. Sie überschätzen die Bedürfnisse ihrer etablierten Kundschaft und unterschätzen die neuen, einfacheren Lösungen, die zunächst nur Randgruppen ansprechen.

Überträgt man diese Theorie auf die Politik, wird deutlich, wie Herrschende „disruptive Ereignisse“ bewusst instrumentalisieren oder zumindest gezielt nutzen, um gesellschaftliche Strukturen radikal zu verändern. Eine Krise – ob real, übertrieben oder inszeniert – durchbricht den gewohnten Alltag und erzeugt kollektive Angst und Unsicherheit. In diesem Moment wird das Individuum aus seiner Ruhe gerissen und in einen Zustand der Abhängigkeit vom Staat gedrängt. Der Staat tritt als Retter auf, bietet einfache, zentralistische Lösungen an (Lockdowns, Impfpflichten, Klimaregulierungen, Kriegsmaßnahmen), die zunächst nur von einer Minderheit akzeptiert werden würden, in der Krise aber plötzlich zur „neuen Normalität“ erklärt werden können.Genau wie bei Christensens disruptiven Innovationen beginnen diese Lösungen oft „unten“ – als vermeintlich temporäre Notmaßnahme – und verdrängen dann schrittweise die alten Freiheitsräume. Die etablierten Freiheitsrechte (Meinungs-, Versammlungs-, Berufs- und Körperautonomie) werden als unzeitgemäß oder egoistisch dargestellt. Wer sich widersetzt, wird nicht mehr als legitimer Gesprächspartner behandelt, sondern als Störfaktor gebrandmarkt, aus dem gesellschaftlichen Konsens ausgeschlossen und bisweilen entrechtet – man denke an die massiven Grundrechtseinschränkungen für Menschen, die während der Corona-Krise eine experimentelle Impfung ablehnten.

Aus libertärer Sicht ist genau hier der zentrale Angriff auf das souveräne Individuum zu erkennen. Freiheit bedeutet nicht nur das Recht, sich staatlicher Gewalt zu entziehen, sondern vor allem die Fähigkeit, eigenverantwortlich zu denken, zu entscheiden und zu handeln. Kollektive „Schwingungen“, die durch gleichgeschaltete Medien erzeugt werden, zerstören genau diese Fähigkeit. Sie ersetzen individuelle Urteilskraft durch emotionale Herdenreaktion und machen den Einzelnen zum bloßen Funktionsträger einer vorgegebenen Agenda.

In Deutschland zeigt sich dieses Phänomen besonders deutlich. Viele Leitmedien agieren nicht als vierte Gewalt, sondern als Verstärker der jeweiligen Regierungslinie – und gehen teilweise sogar noch weiter. Sender wie n-tv oder Publikationen wie Bild haben wiederholt lautstark extremere Maßnahmen gefordert und damit die Politik vor sich hergetrieben. Die Folge ist eine künstlich erzeugte „Volksmeinung“, die Abweichung als moralischen Verrat brandmarkt und so den Raum für freie, souveräne Individuen immer weiter einengt.

Wer echte Freiheit liebt, muss daher wachsam bleiben: Disruptive Ereignisse sind nicht per se schlecht – im Gegenteil, echte gesellschaftliche Innovation entsteht oft aus Krisen. Entscheidend ist jedoch, wer die Krise definiert und wer die daraus resultierenden Lösungen kontrolliert. Das souveräne Individuum darf sich weder von Angst noch von kollektiver Empörung lenken lassen. Es muss seine eigene Vernunft, seine eigenen Werte und seine eigene Verantwortung bewahren – auch und gerade, wenn die Mehrheit in die andere Richtung rennt. Nur so bleibt Freiheit mehr als ein leeres Wort.