Das Verschwinden der Sinnlichkeit aus dem täglichen Leben

Warum der menschliche Körper zum Tabu und Sexualität in finstere Ecken verdrängt wird

Der Mensch ist eines von vielen Tieren auf diesem Planeten, ein ziemlich wildes, in Jahrtausenden durch religiöse und soziale Bindungssysteme halbwegs gezähmtes Lebewesen. Sein Körper ist Natur – genetisch bestimmt, warm, atmend, behaart, schwitzend, erregbar, mit all seinen Möglichkeiten und klaren biologischen Grenzen. Diese Natur lässt sich nicht wegdiskutieren.

Doch genau diese natürliche Grundlage wird in unserer Gegenwart systematisch aus dem Sichtfeld geräumt: durch eine stille, kulturelle und politische Verdrängung aus den „zugelassenen“ Medien, aus der Öffentlichkeit, aus dem Alltag. Was bleibt, ist eine sterile, verhüllte, ent-sinnlichte Welt.

Diese Tabuisierung des Körpers und der Sexualität ist kein Zufall. Sie ist ein Herrschaftsinstrument. Die Gesellschaft (die Polis) versucht, die ursprüngliche Natur des Körpers zu vereinnahmen, zu normieren und zu kontrollieren – ohne sie je vollständig auslöschen zu können. Genau das erzeugt den Widerspruch und die finsteren Areale, in denen dann Figuren wie Jeffrey Epstein ihre Macht ausüben konnten.

Der Blick auf den Körper wird zum Skandal

Social Media bestrafen algorithmisch seit geraumer Zeit und aktuell verstärkt jede echte Nacktheit. Nicht nur der natürliche, genetisch geprägte Körper mit seinen Unvollkommenheiten wird unsichtbar gemacht, sondern jeder nackte Körper überhaupt, jede Brustwarze, Schambereiche erst recht.

Als freischaffende Fotokünstler, die meine Frau und ich seit über 20 Jahren unsere künstlerischen Aktfotos bei eBay verkaufen, erleben wir diese Entwicklung seit den letzten Monaten besonders drastisch. Was jahrzehntelang als seriöse künstlerische Darstellung des menschlichen Körpers akzeptiert war, wird nun massenhaft entfernt. Die Begründungen bleiben vage: Bemängelt werden alle „Aktivitäten, die gegen unseren Grundsatz zu Angeboten mit sexuellem Inhalt verstoßen“ – ohne Differenzierung zwischen Erotik, Pornografie und Kunst. Der KI-Filter erkennt nicht nur Nacktheit, sondern folgt noch weiteren obskuren Prinzipien, nach denen angebliche sexuelle Inhalte erkannt werden sollen, und löscht unerbittlich. Kunst wird zum Kollateralschaden einer Politik, die den natürlichen Körper entfremdet.

Eins der von Ebay beanstandeten Bilder

Die Verdrängung schafft den Untergrund

Heute ist Bekleidung zum menschlichen Normalzustand geworden – nicht aus praktischen Gründen, sondern aus kultureller Dressur. Nacktheit gilt an sich schon als verwerflich. Wer diese Scham internalisiert, kontrolliert sich selbst. Genau diese Verdrängung der natürlichen Sinnlichkeit produziert ihr Gegenstück: den finsteren, geheimen Raum. Wo der Körper nicht mehr offen als Natur gelebt werden darf, wandert die Sexualität in den Untergrund – in die Pornografie, insRotlichtmilieu, ins Darknet, in private Netzwerke der Mächtigen. Der Fall Jeffrey Epstein ist das perfekte Lehrstück. Warum konnte das so lange funktionieren? Weil die offizielle Kultur den natürlichen Körper verleugnet – und die inoffizielle ihn dann pervertiert und monopolisiert.

Epstein war Symptom. Wo Sinnlichkeit nicht mehr zum täglichen Leben gehört, bekommen diejenigen Macht, die den verbotenen Raum kontrollieren.

Body Politics: Der Körper als Schlachtfeld der Macht – Nietzsche und Foucault

Der Körper ist ursprünglich Natur – genetisch bestimmt, tierisch, sinnlich, mit festen biologischen Möglichkeiten und Grenzen. Gleichzeitig wird er von der Gesellschaft zunehmend zum politischen Objekt gemacht. Das ist kein Widerspruch, sondern die zentrale Spannung: Die Polis versucht, diese Natur zu vereinnahmen und zu beherrschen – ohne sie je vollständig tilgen zu können.Das ist der Kern dessen, was seit den 1970er Jahren unter dem Begriff Body Politics diskutiert wird: Der Leib wird zum zentralen Schlachtfeld der Macht.

Friedrich Nietzsche hat diese Einsicht bereits in den 1880er Jahren mit brutaler Klarheit vorweggenommen. Für ihn ist der Leib die große Vernunft, der Geist nur deren kleines Werkzeug. In „Also sprach Zarathustra“ (Erster Teil, „Von den Verächtern des Leibes“) heißt es unmissverständlich:

„Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und nichts außerdem; und Seele ist nur ein Wort für ein Etwas am Leibe. Der Leib ist eine große Vernunft, eine Vielheit mit einem Sinne, ein Krieg und ein Frieden, eine Herde und ein Hirt. Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du ‚Geist‘ nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner großen Vernunft.“

Nietzsche zertrümmert die jahrtausendealte Verachtung des Körpers – jene platonisch-christliche Tradition, die den Leib als Kerker der Seele, als Quelle der Sünde, als etwas Niederes verteufelt. Genau diese „Verächter des Leibes“ regieren heute wieder: in den Algorithmen, die künstlerische Aktfotografie löschen, in den Gesetzen, die Nacktheit kriminalisieren, in der Kultur, die Sinnlichkeit nur noch als Produkt oder als Verbrechen duldet.

Michel Foucault hat diese Analyse ein Jahrhundert später präzisiert und auf die moderne Macht ausgeweitet. In „Der Wille zum Wissen“ (1976) beschreibt er den Übergang von der alten Souveränmacht („sterben machen oder leben lassen“) zur Biomacht, die das Leben selbst zum Gegenstand nimmt. Diese Biomacht hat zwei Pole:

  • Die Anatomo-Politik der Disziplin: Sie formt den individuellen Körper – dressiert, normiert, unterwirft produktivem Zwang (Schule, Fabrik, heute: Social-Media-Algorithmen).
  • Die Biopolitik der Bevölkerung: Sie reguliert den „Körper als Gattung“ – Geburten, Gesundheit, Sexualität, „Anständigkeit“, Durchschnittsnormen.

Sexualität ist dabei kein Nebenaspekt, sondern der zentrale Schaltpunkt: Sie wird nicht primär unterdrückt, sondern produziert, kanalisiert und verwaltet. Foucault zeigt, dass die moderne Macht genau dort am stärksten ist, wo sie das Leben „fördert“ – und damit auch definiert, was „normales“ Leben, „anständiger“ Körper, „zulässige“ Nacktheit ist.

Die heutigen KI-Filter auf eBay, Instagram oder TikTok sind die perfekte Fortsetzung dieser Biomacht: anonym, skalierbar, unfehlbar in ihrer Prüderie. Sie schaffen eine neue Normalität, in der der sinnliche, tierische Körper zum Ausnahmefall oder zum Verstoß wird. Und genau diese Normalisierung produziert den Untergrund, den Foucault als logische Kehrseite jeder Biopolitik beschreibt: Wo das Leben verwaltet wird, entsteht der verbotene Raum, in dem die Macht erst richtig zuschlägt.

Die aktuelle Ent-Sinnlichung ist also kein Fortschritt, sondern die digitale Neuauflage des asketischen Ideals, das Nietzsche schon zerlegt – und der biopolitischen Regierungstechnik, die Foucault enttarnt hat. Body Politics ohne diese beiden Denker bleibt halbblind: Sie beschreibt die Mechanismen, aber vergisst die radikale Alternative – den jubelnden, tanzenden, tierischen Leib.

Jugendschutz als Vorwand: Die weltweite Abschottung der Jugend und der Zwang zur echten Identität

Seit Ende 2025 erleben wir – wie schon anlässlich der sogenannten Corona-Pandemie – eine globale Welle verschärfter Kontrolle – diesmal offiziell im Namen des „Jugendschutzes“. Australien machte den Anfang: Seit 10. Dezember 2025 dürfen unter 16-Jährige keine Accounts mehr auf großen Plattformen (TikTok, Instagram, YouTube, Snapchat etc.) haben; die Plattformen müssen „reasonable steps“ zur Altersverifikation unternehmen. Frankreich hat im Januar 2026 ein Verbot für unter 15-Jährige beschlossen, Deutschland plant ein Verbot für unter 14- oder 16-Jährige (Draft bis Sommer 2026), das Vereinigte Königreich erweitert den Online Safety Act zu „highly effective“ Age Assurance, und die EU treibt mit dem Digital Services Act (DSA) und einem offiziellen „Mini-Wallet“-Blueprint (seit Juli 2025) eine harmonisierte, aber datensparsame Altersprüfung voran – gekoppelt an die EU Digital Identity Wallets, die bis Ende 2026 flächendeckend kommen sollen. In den USA laufen Dutzende Staatsgesetze und 19 Bundesinitiativen. Malaysia, Indonesien, Griechenland und weitere Länder folgen.

Der Mechanismus ist immer derselbe: Altersverifikation durch biometrische Gesichtserkennung, Ausweis-Upload, Bankdaten oder KI-gestützte Schätzungen. Was als Schutz vor „Sexualität im Netz“ (Pornografie, Grooming, „schädliche Inhalte“) verkauft wird, hat zwei fatale Nebenwirkungen (oder sind es die gewünschten Hauptwirkungen):

Erstens werden Jugendliche von den freiheitlichsten Räumen der unabhängigen Meinungsbildung ferngehalten. Statt selbst zu entdecken, zu diskutieren und sich eine eigene Haltung zu Körper, Sexualität und Welt zu bilden, bleiben sie in der Obhut staatlich beaufsichtigter, algorithmisch kuratierter „sicherer“ Zonen. Die Biomacht reguliert das Heranwachsen des „Körpers als Gattung“ – genau wie Foucault es beschrieb.

Die Biomacht greift hier besonders perfide in die natürliche Entwicklung ein: Statt dass junge Menschen ihren eigenen Körper, ihre eigene Sinnlichkeit und ihre eigene Meinung frei erkunden können, sind sie in staatlich beaufsichtigte Narrative und Ideologien eingehegt. Der natürliche, genetisch bestimmte Reifungsprozess wird politisch reguliert – mit dem Effekt, dass die jugendliche Psyche massiv in ihrer Entwicklung behindert und im Sinne der Herrschenden umgelenkt wird.

Und zweitens – und das ist der eigentliche Clou – muss jeder Internet-Nutzer irgendwann seine echte Identität nachweisen. Plattformen, die nicht compliance-fähig sind, riskieren Millionen-Strafen oder Blockaden. Das Ende der Anonymität im Netz ist damit programmiert. Aus „Schutz der Kinder“ wird flächendeckende Überwachung aller. Taylor Lorenz brachte es im Guardian auf den Punkt: Diese Gesetze schaffen „ein voll überwachtes digitales Panoptikum“ und tragen zu einer „globalen Rezession der Redefreiheit“ bei.

Die angebliche Bedrohung durch Sexualität dient als perfekter Vorwand, um genau das zu verhindern, was Sinnlichkeit eigentlich braucht: freie, anonyme, selbstbestimmte Erkundung. Stattdessen wird der nächste Epstein-Raum geschaffen – im noch dunkleren Untergrund, den nur die Mächtigen kontrollieren.

Warum jetzt?

Die Digitalisierung hat diese Vereinnahmung der natürlichen Körperlichkeit massiv beschleunigt. Gleichzeitig wächst die Sehnsucht nach dem Ursprünglichen: Nackt-Yoga, Sauna-Kultur, Naturismus, „Free the Nipple“ sind eine schwache Gegenwehr. Der Körper meldet sich als Natur zurück, allerdings in sehr geringem Umfang und mit sehr wenig Kraft.

Für die Wiederkehr der Sinnlichkeit

Es geht aber darum, den Körper wieder als das anzunehmen, was er zuerst und zuletzt ist: Natur – genetisch bestimmt, tierisch, sinnlich, mit all seinen Möglichkeiten und Grenzen. Ohne Filter. Ohne Scham. Ohne dass jede Brustwarze zum Politikum oder jede künstlerische Aktfotografie algorithmisch als “Gefahr” umdefiniert wird.

Solange wir die unauflösbare Spannung zwischen natürlicher Grundlage und gesellschaftlicher Vereinnahmung leugnen, bleiben wir unfrei – und überlassen die Sinnlichkeit denen, die sie im Dunkeln missbrauchen.

Schaut hin. Berührt. Lasst euch berühren. Nicht virtuell. Nicht gefiltert. Sondern echt. Sinnlich. Menschlich.