Babylon Berlin Staffel 5 – Eine Kritik

Bunte Kostüme, blasse Opfer, leerer Mittelpunkt: „Babylon Berlin“, Staffel 5

Die umfangreiche Serie endet mit erzählerischem Aufwand und starken Bildern. Ihr Problem liegt für mich weniger im Handwerk als in der Gewichtung dessen, was sie zeigt, in dem, was fehlt, und in dem, was an einzelnen Stellen mitschwingt.

Die Ambiguität der Satire

Satire ist ein Modus ohne Sicherung. Ob sie als Satire ankommt, entscheidet nicht der Autor, sondern das Publikum. Archie Bunker in „All in the Family“ (1970er) sollte Rassismus und Vorurteile der Arbeiterklasse bloßstellen. Die bekannteste Studie dazu kam allerdings zu dem Schluss, dass viele Zuschauer die Sendung gar nicht als Satire auf Bigotterie verstanden und sie Vorurteile eher verstärkte als bekämpfte. In der Literatur heißt es dazu sinngemäß: Was für den einen Satire ist, ist für den anderen eine heimliche Wahrheit. Bunker verstärkte bei vielen Zuschauern Vorurteile, statt sie zu bekämpfen, und Colberts Kunstfigur wurde je nach politischem Lager sehr unterschiedlich gelesen. Wer in einer Serie ein satirisches Lied platziert, muss damit rechnen, dass es anders gehört wird, als es gemeint war.

Die Hollaender-Szene

1931 war der Rahmen von „An allem sind die Juden schuld“ für ein Berliner Kabarettpublikum unmissverständlich. 2026 fehlt dieser Rahmen. Die Serie zeigt einen Club, ein ausgelassenes Publikum, einen mitgrölenden Refrain und das queere Nachtleben als Ort des Vergnügens. Ob die Ironie beim heutigen Zuschauer ankommt oder ob nur der eingängige Refrain im Ohr bleibt, ist offen. Dieses Offenbleiben ist das eigentliche Problem der Szene.

Sie schwingt außerdem mit der Gegenwart: Eine Senatsstudie und ein Dossier des Landes Berlin dokumentieren, dass Antisemitismus in Teilen der queeren Szene der Stadt seit dem 7. Oktober 2023 zugenommen hat. Zum Wahlausgang vom 20. September gehört, dass die Linke mit 25,7 Prozent stärkste Kraft wurde und ihren Sieg mit bekannten Antisemiten feierte. Ich behaupte damit nicht, dass Wähler antisemitisch votiert hätten. Aber wer 2026 in Berlin diese Szene sieht, hört sie nicht mehr mit den Ohren von 1931. Bei mir kam ein Unterton an, der die Szene kippen lässt: da gab es einen Refrain, der im aktuellen Milieu nicht mehr sicher als Entlarvung der Nazis, sondern als klammheimliche Bestätigung eigener antisemitischer  Auffassungen verstanden werden könnte.

Die Gewichtung

Unbestritten kommt die Verfolgung jüdischer Menschen in der Staffel vor: Sie wird in der Reihe der Verfolgten genannt. Aber sie bleibt Aufzählung und Hintergrund. Emotionale Nähe, Erzählzeit und Identifikationsangebote gehören dem queeren und trans Handlungsstrang. Die Figur des Reinhold Gräf trägt Szene um Szene, während jüdisches Leben und jüdische Gefährdung als abstrakte Größe mitlaufen.

Die Serie sortiert Weimar in ein weltoffenes, buntes Berlin und dumpfe Braunhemden. Damit verspielt sie die Ambivalenz, die dieses Berlin auszeichnete: Röhm verkehrte in genau diesem Nachtleben. Mein Vorwurf ist, dass die Serie nicht 1933 erzählt, sondern sich an der Aufmerksamkeitsökonomie von 2026 orientiert.

Der Mann im Off: die Leerstelle Hitler

Auffällig ist, wie viel Aufmerksamkeit die Staffel der merkwürdigen Geschichte um Hitlers Krankengeschichte widmet und wie wenig Hitler selbst. Ständig geht es um ihn als Kranken, als Fall, als Akte, während er in seiner erstarkten Leibhaftigkeit, als der Mann, der Massen in Bewegung setzte, so blass bleibt, dass er praktisch unsichtbar ist. Die Erzählung um eine angebliche Krankenakte, die als historisch verbürgte Tatsache auftritt, ist zudem von Fachleuten wie Volker Kutscher und Uwe Wittstock als fragwürdig kritisiert worden. Dramaturgisch behandelt sie den Diktator als pathologischen Fall, den man bloßstellen und damit gewissermaßen erledigen kann. Das entlastet: Wer den Mann als kranken Außenseiter zeigt, muss nicht erklären, warum Millionen ihm folgten.

Aber Hitler hatte einen Impact, und der bleibt völlig außen vor. Seine Wirkung erklärt sich nicht aus seiner Krankengeschichte, sondern aus Rhetorik, Inszenierung und dem Boden, auf dem beides wuchs. Man fragt sich, ob dahinter eine Geschichtsauffassung steht: dass nicht mächtige Männer Geschichte machen, sondern das Kapital oder andere Strukturen und Mächte. Das wäre eine vertretbare Position, aber sie müsste in der Serie sichtbar werden. Nach meinem Eindruck wird sie nirgends erkennbar ausgespielt. Ist sie nicht gemeint, ist die Leerstelle schlicht ein Versäumnis.

Ein starker, beeindruckender, ja faszinierender Hitler, und sei es nur für ein oder zwei Minuten, hätte diese Leerstelle gefüllt. Er hätte gezeigt, was die Zeitgenossen erlebten und was die Serie ihrem Publikum vorenthält: die offenbar gewaltige Anziehungskraft, ohne die der Untergang der Republik unverständlich bleibt.

Man kann einwenden, das Fernhalten Hitlers schütze vor Faszination und Verharmlosung. Das überzeugt mich nicht. Konsequent angewandt dürfte man fast nichts zeigen, auch das Hollaender-Lied nicht, und der Gedanke unterstellt dem Publikum eine Unmündigkeit, die man Erwachsenen nicht zuschreiben sollte. Der stärkere Einwand gegen die Zurückhaltung ist ein dramaturgischer: Eine Geschichte vom Untergang der Republik ohne ihren Totengräber erklärt nichts.

Optisch glänzend und handwerklich souverän, aber in der Verteilung ihrer Anteilnahme schief und im Zentrum leer. Eine Staffel, die vom Ende der Republik erzählt, dabei die Opfergruppen ungleich behandelt und den Mann, um den alles kreist, nicht sichtbar macht, bleibt hinter ihrem Anspruch zurück. Und eine Satire, die man heute nicht mehr sicher als Satire, sondern womöglich als Bestätigung hört, ist ein riskanter Schlussakkord.