Kunst-Herbstauftakt in Görlitz

Zwei Galerien, zwei Wege zum Bild

Nach dem Ende der Sommerpause legen sich zwei Görlitzer Galerien mit ihren neuen spannenden Ausstellungen mächtig ins Zeug – und wer beide besucht, kann sich an einem einzigen Nachmittag durch zwei ganz unterschiedliche Auffassungen davon bewegen, was ein Bild eigentlich ist und was es mit uns macht.

KiA Contemporary: Wenn Reduktion vier Gesichter bekommt

Ort: KiA Contemporary, Löbauer Str. 35, 02826 Görlitz
Laufzeit: 12.09.–14.11.2026

In der KiA Contemporary Art Galerie treffen unter dem Titel „Minimal Art trifft Konkrete Kunst“ vier künstlerische Positionen aufeinander, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam zu haben scheinen – bis man genauer hinschaut und merkt: Alle vier arbeiten mit denselben einfachen Mitteln, Fläche, Linie, Farbe, Zeichen, und entwickeln daraus jeweils eine ganz eigene Bildlogik. 

Bei Bernhard C. Striebels Serie „bifokal 2″ trifft der Blick zunächst auf einen Sprung der Farbqualität selbst, bevor dieser als Grenze zweier Bilder verstanden wird. Das feine Raster ist zunächst kein Gegenstand, sondern Horizont – eine Unruhe am Rand der Aufmerksamkeit, die erst im Herantreten zur Sache wird. Da beide Tafeln sich jeweils nie in einem Akt vereinen lassen, sondern nur nacheinander gegeben sind, führt das Werk unmittelbar vor, was jede Wahrnehmung ohnehin ist: eine Folge von Abschattungen, nie vollständige Gegenwart.

Bei Claudia Speers Tuschearbeiten gibt sich der schwarze Fleck als Spur einer Bewegung, die selbst nie sichtbar war – nur ihr Nachklang bleibt gegenwärtig. Die neonbunten Elemente unterbrechen das: Hier hält der Blick an, statt zu gleiten – ein anderer Gebungsmodus, mitten im gleichförmigen Feld.

Bei Kamila Czosnyks großformatiger Text-Arbeit „Memory 02“ sucht der Blick zunächst Sinn, will lesen – und wird enttäuscht. Aus dem Scheitern dieser Lese-Intention entsteht eine zweite: reines Sehen von Dichte und Textur. Aus der Nähe kippt das zurück in Lesbarkeit, aus der Distanz wieder in Fläche – derselbe Gegenstand, zwei Gegebenheitsweisen, je nach eigener Position im Raum.

Bei Wolfram Schnebel bietet sich mehrfach im Bild eine Entscheidung zwischen Figur und Grund an, ohne sich je zu stabilisieren: Ist das Schwarz Loch oder Form? Das Auge kippt, revidiert, kippt erneut. Die dünnen Konturlinien fordern ein Verfolgen ohne Ruhepunkt, während die Flächen mit einem Blick geschlossen daliegen – zwei völlig verschiedene Zeitweisen des Sehens in einem einzigen Bild.

Kunstkonsulat: Eine Archäologie des fotografischen Blicks

Ort: Kunstkonsulat, Schulstr. 4, 02826 Görlitz
Künstler: Jerzy Lewczyński, Zbigniew Libera, Nikita Kadan, Romuald Kutera, Krystian Zoszczuk
Kurator: Rafał Lewandowski

Nur wenige Schritte entfernt widmet sich das Kunstkonsulat in seiner aktuellen Schau „Archäologie der Fotografie / REDEFINITION“ einer verwandten Frage: Was zeigt uns ein Foto eigentlich? Der Titel greift bewusst auf den polnischen Fotografen Jerzy Lewczyński zurück, der 1979 in einem Manifest die „Archäologie der Fotografie“ als Suche nach vergessenen Spuren der fotografischen Vergangenheit begründete – nach gefundenen Negativen, vom Dachboden geborgenen Glasplatten, dem Licht als stummem Zeugen längst vergangener Momente. Lewczyński selbst ist in der Ausstellung mit zahlreichen eigenen Werken vertreten, ergänzt um Positionen von Zbigniew Libera, Nikita Kadan, Romuald Kutera und Krystian Zoszczuk, kuratiert von Rafał Lewandowski. Die Schau nimmt dieses Erbe auf, um es unter den Bedingungen einer sich rasant wandelnden Gegenwart neu zu befragen – daher die „Redefinition“.

Der Ausstellungstext beschreibt dies als eine Kette von Bildern, die einander wechselseitig hervorrufen, sodass eine ganze Serie von Erscheinungen entsteht – das, was wir die Welt der Fotografie nennen. Vor einem Foto zu stehen heißt demnach nicht, einem eindeutigen Abbild der Wirklichkeit zu begegnen, sondern etwas Unergründlichem: Sind es unsere Erinnerungen, die uns entgegenblicken? Die Dinge selbst? Oder die Vorstellungen, die wir uns von der Wirklichkeit machen? 

Die Ausstellung im Kunstkonsulat versteht sich als Diskurs über die Methode des Lesens von Fotos. Doch jede Methode muss sich im Laufe der Zeit bewähren. In diesem Fall ist die Archäologie der Fotografie nicht nur eine Methode zum Verständnis von Bildern, sondern auch eine kreative Praxis; ihre Erzählungen entstehen in einem neuen zivilisatorischen Kontext, der von raschen sozialen, politischen und künstlerischen Veränderungen geprägt ist. Der Betrachter, der vor einem Foto steht, muss seine Position jedes Mal neu definieren. Und genau darum geht es in der Ausstellung im Kunstkonsulat.

Das trifft einen Nerv: Wer glaubt, ein Foto sei die unmittelbare, magische Spur der Wirklichkeit, übersieht, dass zwischen Motiv und Bild immer schon eine Kette von Deutungen liegt. Genau diese Kette macht die Ausstellung im Kunstkonsulat zum Thema.

Zwei Wege, dieselbe Frage

Was beide Häuser verbindet: die Überzeugung, dass Bilder uns zu einer Anstrengung anregen – genauer hinzusehen, die eigene Position immer wieder neu zu bestimmen. Wer in Görlitz derzeit Lust auf Kunst hat, die nicht nur betrachtet, sondern befragt werden will, kommt in diesem Herbst an beiden Häusern kaum vorbei.