Nationalsozialismus in Görlitz – Eine Ausstellung, die alles besser weiß als du

Man betritt die Ausstellung „Nationalsozialismus in Görlitz – 80 Jahre Kriegsende“ mit der naiven Hoffnung, etwas über Geschichte zu erfahren. Doch schon an der Pforte wird man eines Besseren belehrt: Eine ganze Wand voller durchgestrichener Piktogramme brüllt einem entgegen, was alles verboten ist – Rauchen, Handys, Tiere, Taschen, Essen, Getränke, Fotoapparate. Als Krönung wiederholt die Aufseherin diese Litanei dann noch persönlich, mit jener eindringlichen Strenge, die man sonst nur von Grenzbeamten in autoritären Regimen kennt – selbst einen Anruf oder eine WhatsApp-Mitteilung dürften wir nicht entgegennehmen!  Man fühlt sich nicht wie ein mündiger Bürger, sondern wie ein potenzieller Straftäter, der nur darauf wartet, erwischt zu werden.

Besonders pikant: Ein städtisches Museum, finanziert mit Steuergeldern, maßt sich an, ein exklusives Monopol über seine eigenen Exponate auszuüben. Wichtige historische Dokumente – das originale Parteiprogramm der NSDAP, Faksimiles von Zeitungen, Fotos aus der Epoche – werden zwar ausgestellt, aber wehe, man möchte sie für ein privates Nachstudium festhalten. Ein schnelles Handyfoto? Undenkbar! Nach Schließung der Ausstellung verschwinden diese Quellen wieder in den Archiven, für den normalen Bürger unerreichbar. Welch ein fortschrittliches Verständnis von öffentlicher Bildung: Wir zeigen dir etwas, aber nur genau so, wie wir es wollen – und danach nie wieder.

Die Ausstellung selbst ist dann der reine Triumph der Oberlehrer-Pädagogik. Alles wird chronologisch sauber abgearbeitet: Aufstieg der NSDAP in Görlitz, Machtergreifung, Gleichschaltung, Kriegsproduktion, Zwangsarbeit, Kriegsende. Akribisch, neutral, emotionslos. Es ist, als hätte man ein besonders trockenes Schulbuch in Vitrinen gepresst und mit erklärenden Tafeln garniert, die jede mögliche eigene Interpretation im Keim ersticken.

Ein kleiner, aber bezeichnender Schönheitsfehler in dieser sonst so penibel korrekten Inszenierung: Eine Tafel behauptet allen Ernstes, der Geschichtsunterricht in der SBZ/DDR habe sich „praktisch nur“ um die politischen Opfer des Nationalsozialismus gekümmert und die Schicksale der Juden weitgehend ausgeblendet. Leider widerspricht dem die lebendige Erinnerung einer in Görlitz aufgewachsenen Zeitzeugin: Sie versichert glaubhaft, sehr ausführlich über Konzentrationslager, die systematische Judenverfolgung und den Holocaust unterrichtet worden zu sein. Offenbar hat die Ausstellung hier eine Nuance übersehen – oder bewusst weggelassen –, um die eigene Erzählung von der „zweiten Diktatur“ etwas schärfer zu konturieren. 

Wie passend: Eine Schau über ideologische Vereinnahmung der Geschichte, die selbst ein wenig ideologisch vereinnahmt.

Spektakel? Fehlanzeige. Emotionale Tiefe? Nicht vorgesehen. Hier wird aufgeklärt, wie es sich für eine verantwortungsvolle Institution gehört – nämlich so, dass ja niemand auf dumme Gedanken kommt.

Ironie der Geschichte: Eine Ausstellung über eine totalitäre Diktatur, die selbst mit eiserner Kontrolle und Verboten operiert. Die strenge Gängelung am Eingang passt perfekt ins Konzept – ein freies Foto wäre ja schon ein Akt der Selbstbestimmung gewesen, und wo kämen wir da hin?

In diesen allerletzten Tagen – noch heute und morgen, bis zum 15. Februar 2026 – im Kaisertrutz in Görlitz zu besichtigen. Empfehlenswert für alle, die sich gerne bevormunden lassen und ein elefantöses Gedächtnis besitzen. Alle anderen sollten vielleicht doch lieber ein Buch lesen – da darf man wenigstens markieren.