Die Krise der fotografischen Authentizität

1. Der Verlust des Glaubens an das Bild

Seit KI-generierte Bilder und Filme alltäglich geworden sind, ist unser Glaube an die Authentizität von Fotografien zerstört. Jeder kann nun Bilder manipulieren oder erfinden, ohne dass dies erkennbar ist. Doch war diese Krise nicht schon immer latent? Die Fotografie, die vorgibt, die Realität “einzufangen”, birgt von Anfang an eine Illusion. Heute leben wir in einer Welt, in der Bilder nicht mehr als Zeugen der Realität dienen, sondern als manipulierbare Narrative wahrgenommen werden.

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2. Die analoge Illusion: Negativ und Positiv als erster Bruch

Der Keim des Problems liegt bereits in der analogen Fotografie. Das Negativ – das vermeintlich “unbearbeitete Original” – wird selten gezeigt; stattdessen sehen wir das Positiv, das durch Entwicklung, Belichtung und Druck verändert wird. Der Betrachter nimmt eine direkte, analoge Beziehung zwischen Objekt und Bild an, doch das ist größtenteils Fiktion. Chemische Prozesse, Belichtungszeiten und manuelle Retuschen in der Dunkelkammer machen das Positiv zu einer Interpretation, nicht zu einem Spiegel der Realität. Authentizität basierte immer auf Vertrauen, nicht auf Garantie.

Schon Ansel Adams, Ikone der “reinen” Landschaftsfotografie, sah das ähnlich. In seinen Büchern The Negative und The Print verglich er das Negativ mit der Partitur eines Komponisten und den Abzug mit deren Aufführung:

„I have often said that the negative is similar to a musician’s score, and the print to the performance of that score. The negative comes to life only when ‘performed’ as a print.“

Das Negativ enthält alle Informationen, bleibt aber latent – erst im Dunkelkammerprozess (Belichtung, Papierwahl, Kontraststeuerung, Dodging & Burning) erwacht es zum ausdrucksstarken Bild. Jede “Aufführung” variiert: subtiler, dramatischer, intensiver, wie ein Pianist ein Chopin-Stück je nach Konzert anders interpretiert.

Adams’ eigene Abzüge desselben Negativs veränderten sich über Jahrzehnte, da sich seine “Visualization” weiterentwickelte. Er sah sich als Komponist (bei der Aufnahme) und Performer (im Druck). Nehmen wir sein berühmtestes Werk Moonrise, Hernandez, New Mexico (1941): Frühe Prints aus den 1940er Jahren wirken weich und luminös, mit sichtbaren Wolken und detailliertem Mond – nah an der Dämmerungsszene. Spätere aus den 1960er/70er Jahren sind kontrastreich und dramatisch, mit tiefschwarzem Himmel und leuchtendem Mond, der die Kreuze wie spirituelle Leuchtfeuer wirken lässt. Wer beide Versionen vergleicht, könnte zwei unterschiedliche Momente vermuten – doch es ist dasselbe Negative, nur anders “aufgeführt”. Authentizität wird hier zur subjektiven Entscheidung des Künstlers. Wenn das bei Adams gilt, dem Erfinder des Zone-Systems für maximale Tonwertkontrolle, wie viel mehr in der digitalen und KI-Ära?

Quelle: Petapixel

Mit dem Übergang zur digitalen Fotografie wird das offenkundig: Alles wird zu Daten, zu manipulierbaren Pixeln. Die Digitalisierung bricht die “indexikale” Verbindung zum Realen – das Bild “stencilt” nicht mehr direkt ab, sondern wird algorithmisch rekonstruiert. Spätestens hier wird jede Behauptung von Authentizität obsolet.

3. Barthes’ Punctum: Gibt es das “Punctum” wirklich – und überlebt es in der Digital- und KI-Welt?

In Camera Lucida (1980) unterscheidet Roland Barthes zwischen dem “Studium” (dem kulturell Kodierbaren) und dem “Punctum” – jenem zufälligen Detail, das den Betrachter persönlich “sticht”, emotional durchbohrt und auf das “Das-war-so” der Fotografie verweist. Es ist unintendiert, “steigt aus der Szene auf wie ein Pfeil” und schafft eine ontologische Spur.

In der analogen Welt könnte das Punctum im Negativ wurzeln, in den Lichtreflexionen des Originals. Doch ist das wahr? Barthes schrieb im Übergang zur Digitalisierung; Kritiker sehen sein Buch als Elegie auf das Analoge. Im Digitalen wird das Punctum fragwürdig: Als Code kann jedes Detail konstruiert sein, verliert es seine “Wunde”. In der KI stirbt es endgültig – Bilder “stehlen” aus Realem, assemblen Frankenstein-Kompositionen und täuschen Authentizität vor, ohne echte Verbindung zur Welt.

Gibt es das Punctum wirklich? Ja, subjektiv – es ist, was der Betrachter projiziert. In der KI-Ära wird es zur reinen Illusion, ohne realen Anker.

4. Die KI-Verschärfung: Von der Erosion zur totalen Simulation

KI macht das Problem omnipräsent: Für jedes echte Bild existieren potenziell Fakes, was Vertrauen in Satellitenbilder, Nachrichtenfotos oder Kunst zerstört. In Mode und Werbung posieren KI-Bilder als reale Produktionen, mit gefakten Credits – ein Diebstahl an Authentizität und Kreativen. Das Ziel: Realität durch Narrative ersetzen. Wie Wim Wenders sagte, brechen digitalisierte Bilder die Beziehung zur Realität; sie werden zu leerer Werbung.

Barthes’ Punctum fehlt in KI-Bildern gänzlich: Nichts ist zufällig, alles algorithmisch optimiert.

5. Was bleibt von der Fotografie?

Wenn Authentizität illusorisch ist und im Grunde immer schon war, was bedeutet das für uns als Betrachter? konstruieren wir ja schon – vor jedem technischen Bild –unsere „Realität“ in unserem Bewusstsein. Trauern wir um den Verlust der Illusion, direkten Zugang zur „Realität“ zu haben? Wir sind umgeben von Traumwelten, die uns in sich hineinziehen wollen, aber wir leben auch in unserer eigenen Traumwelt, in unserer je eigenen Konstruktion der Wirklichkeit.

Diese Einsicht führt uns tiefer in philosophisches Terrain – und sie ist keineswegs neu. Schon Immanuel Kant argumentierte Ende des 18. Jahrhunderts, dass wir die Welt nicht „an sich“ erkennen, sondern nur so, wie sie durch die Strukturen unseres Bewusstseins hindurchgeht: Raum und Zeit als Formen der Anschauung, Kategorien wie Kausalität als Werkzeuge des Verstandes. Die „Realität“, die wir erleben, ist immer schon eine vom Subjekt konstruierte – eine Synthese aus Sinnesdaten und unseren apriorischen Bedingungen. Was wir für „die Welt da draußen“ halten, ist das Ergebnis einer aktiven Leistung des Geistes. Fotografie, ob analog, digital oder KI-generiert, tritt also nie in einen leeren Raum ein: Sie trifft auf ein Bewusstsein, das bereits filtert, ordnet, interpretiert und emotional färbt.

Ansel Adams’ Visualisierung – die Fähigkeit, das fertige Bild bereits vor der Aufnahme im Kopf zu sehen und dann bewusst in diese Richtung zu steuern – ist nichts anderes als die bewusste Variante dieser Konstruktion. Adams fotografierte nicht, was „da war“, sondern was er emotional und ästhetisch empfand; der Prozess von der Szene zum Print war eine bewusste Übersetzung subjektiver Vision in sichtbare Form. Selbst Barthes’ Punctum, jenes stechende Detail, das uns persönlich trifft und das „Das-war-so“ zu verbürgen scheint, ist letztlich subjektiv: Es entsteht erst im Betrachter. Es „sticht“, weil es in unsere eigene Biografie, unsere Sehnsüchte, unsere Trauer einschlägt – nicht weil es objektiv „wahr“ wäre. Das Punctum ist die Wunde, die wir uns selbst zufügen, indem wir das Bild mit unserer Innerlichkeit aufladen.

In der KI-Ära wird diese Konstruktion nur radikaler sichtbar. Wenn Bilder nicht mehr einmalig indexikalisch mit einem realen Moment verbunden sind, sondern aus statistischen Mustern generiert werden, verliert das Bild endgültig den Anschein einer neutralen Spur der Welt. Doch genau darin liegt auch eine Befreiung: Die Illusion eines „direkten Zugangs“ zur Realität war immer trügerisch. Wir trauern vielleicht um sie – um das kindliche Vertrauen, dass ein Foto uns die Welt „so wie sie ist“ zeigt –, aber diese Trauer ist letztlich Trauer um eine nie wirklich existente Unmittelbarkeit.

Was bleibt? Eine doppelte Einsicht:

  1. Wir sind immer schon Konstrukteure. Jede Wahrnehmung, jedes Bild, jede Erinnerung ist eine aktive Schöpfung. Die KI macht uns das nur schmerzhaft bewusst – sie externalisiert, was vorher im Verborgenen unseres Geistes geschah. Statt uns zu täuschen, enthüllt sie die Täuschung, die wir täglich an uns selbst betreiben.
  2. Die Verantwortung verschiebt sich vom Bild zur Haltung. Wenn Authentizität nie objektiv war, sondern immer relational – abhängig vom Betrachter, vom Kontext, von der Absicht –, dann liegt die Aufgabe nicht darin, das „wahre“ Bild zu finden, sondern darin, bewusst mit Konstruktionen umzugehen. Skepsis gegenüber jedem Bild, ja – aber auch Neugier: Welche Traumwelt will dieses Bild in mir wecken? Welche meiner eigenen Konstruktionen spiegelt es? Welche Narrative werden hier bedient oder unterlaufen?

Wir leben in einer Welt multipler Traumwelten: die der Algorithmen, der Werbung, der politischen Manipulation, der sozialen Medien, der unserer eigenen inneren Erzählungen. Die KI verstärkt diese Pluralität ins Extreme. Doch genau darin liegt vielleicht eine Chance: Statt um die eine verlorene „Realität“ zu trauern, können wir lernen, mit mehreren Realitätsversionen zu jonglieren – kritisch, spielerisch, empathisch. Die Fotografie hört nicht auf, uns zu berühren; sie hört nur auf, uns vorzutäuschen, sie sei neutraler Spiegel. Stattdessen wird sie zum Spiegel unserer eigenen Konstruktionskraft – und damit zu einem Medium tieferer Selbsterkenntnis.

Vielleicht ist das der eigentliche Gewinn der Krise: Wir werden gezwungen, nicht nur die Bilder, sondern uns selbst als die eigentlichen Bildermacher zu sehen. Und in diesem Akt der Reflexion liegt, paradoxerweise, eine Form von Authentizität – nicht im Bild, sondern im bewussten Umgang mit der Illusion.